Der Fall Tuğçe bewegte ganz Deutschland. Schnell war der Täter auch verurteilt, aber nicht vor Gericht, sondern in der Medien und vor allen auch in den neuen, sozialen Medien. Alles, ohne das man überhaupt wusste was genau passiert war. Nun das Urteil: 3 Jahre für Sanel M. für Körperverletzung mit Todesfolge. Und schon wieder kocht die Volksseele, für einen Steuerhinterzieher gibt es mehr. Und wieder werden Äpfel mit Birnen verglichen. Sanel M. wurde nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Es stellt sich aber die Frage, ob das JGG noch zeitgemäß ist. Heute, wo jeder schon mit 17 seinen Führerschein machen kann und mit 12 schon aufgeklärt ist, da muss man sich wirklich fragen, sind die noch Jugendliche die anders behandelt werden müssen, oder nicht? Viele Jugendliche kennen auch die gesetzlichen Regelungen und wissen: mir passiert ohnehin nicht viel. Richter schöpfen den Strafrahmen nicht aus, sind am Anfang zu milde. Das Signal an die Jugendlichen, so weiter machen zu können wie im Video-Spiel.

Führer gab es unter den Schlägern auch noch Ehre und Ehren-Codex. Liegt einer auf dem Boden, dann ist Schluss. Heute ist es brutaler geworden, die Gesellschaft ist brutaler geworden. Und auf der anderen Seite, da wünscht sich die Gesellschaft Helden. Tuğçe wurde zu einer solchen Heldin gemacht, eine jungen Frau mit Zivil-Courage. Auch nach ihrem Tod, da rettete sie noch das Leben von anderen. Nun stelle sich im Prozess aber raus, die Sachen liefen nicht so wie schon vorab in den Medien gemeldet. Überhaupt ein Unding, dass Beweis-Videos vorab veröffentlicht wurden.

Ich erinnere mich an den Fall Kachelmann. Schnell stand fest: der war es! Alice Schwarzer bekam ihre eigene Seite in der Bild und wusste alles, bevor das Gericht etwas festgestellt hatte. So geht das auch nicht. Staatsanwälte sehen sich inzwischen durch Mediendruck zu absurden Anklageschriften genötigt, Anklagen, die sie sonst niemals raushauen würden. Aber wenn die Volksseele kocht, dann muss was passieren. Nur gut, dass unsere Strafrichter fair und so gut wie möglich neutral bleiben, sich dem Druck nicht hingeben. Dieser durchaus traurige und tragische Fall zeigt aber auch: unsere Gerichte funktionieren – und zwar fair und gegen den Mediendruck.

Sanel M. hatte den Tod der Tuğçe nicht gewollt, der sagte unter Tränen aus: „Ich habe in der Tatnacht Tuğçe eine Ohrfeige gegeben. Dann ist sie umgefallen. Es tut mir unendlich leid. Ich habe nie mit Tuğçes Tod gerechnet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, welches Leid ich damit der Familie angetan habe.“ Ob das JGG noch zeitgemäß ist, müssen andere beurteilen. Aber nach dem Stand der Gesetze muss man sagen, das Urteil ist gerecht, ja.